Wie wir unsere Arroganz in der Personalerwelt überwinden und anfangen, fortschrittlich zu werden und umzudenken!

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von Ralf Junge

Vor einigen Wochen fand hier in Berlin die re:publica statt, wichtiger Treff u.a. für digitale Kommunikation. Beim genaueren Blick auf das Programm fiel mir auf, dass die Themen HR Management, Recruiting und Employer Branding hier so gut wie gar nicht repräsentiert waren. Obwohl wir alle doch immer schreien, dass die Personalarbeit innovativer und digitaler werden muss. Schließlich tauchen sämtliche Buzz Words auch in unseren Blogs auf – Mobile, Content oder Social.

Das Problem ist: Wir alle schwimmen in unserer eigenen HR-Suppe (wie wir sie ja auch selbst bezeichnen) und vergessen den Blick über den Tellerrand. Wir glauben, indem wir einfach auf die aktuellen Themen aufspringen, sind wir fortschrittlich. Wir machen mal Facebook, Twitter und Mobile. Aber das funktioniert so nicht. Das merken wir auch, also kreieren wir Phänomene, wie die Generation Y oder den Fachkräftemangel und wälzen die Probleme einfach ab. Die Generation Y will sich einfach nicht rekrutieren lassen! Der Fachkräftemangel ist Schuld daran, dass wir keinen geeigneten Nachwuchs finden!

Das ist ziemlich arrogant! Wir sind arrogant gegenüber Bewerbern, gegenüber anderen Fachabteilungen – weil wir denken, wir könnten alles selbst viel besser. Daher fehlt es uns an dem notwendigen Fachwissen (besonders in Bezug auf digitale und soziale Medien) sowie an einer geeigneten Strategie – sämtliche Konzepte klappen nicht so, wie wir uns das auf dem Papier ausgedacht haben. Nehmen wir zum Beispiel mal sämtliche Personalveranstaltungen und -messen. Wenn ich mir die Programme anschaue, fühle ich keine Notwendigkeit, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Immer tauchen dort die gleichen Redner, Diskussionsteilnehmer und Programmtitel auf.

Folgendes muss unsere Gemeinschaft begreifen:

Weniger Selbstverliebtheit

Gut. Was müssen wir also nun tun? Zunähst müssen wir von unserem hohen Ross herabsteigen, auf dem wir gerade sitzen. Wir sind weder den Bewerbern, noch Kollegen aus anderen Abteilungen überlegen. Dieses Denken bringt uns auch nichts, außer einer sukzessiven Isolation. Stattdessen sollten wir uns stärker vernetzen. Einerseits mit den Experten anderer Fachabteilungen: warum nicht einfach mal Kommunikations-, Marketing- und Social Media Verantwortliche ansprechen und sich über aktuelle Trends austauschen oder sich zeigen lassen, wie die Kommunikation über moderne Kanäle richtig funktioniert (einige Unternehmen hätten das sehr nötig). Und wenn es intern keine Experten gibt, dann einfach außerhalb des Unternehmens schauen und Fachveranstaltungen besuche, wie die re:publica oder auch die dmexco (die jedes Jahr parallel zur Zukunft Personal stattfindet, sogar auf dem gleichen Gelände – WAHNSINN). Genauso sollten wir uns stärker mit potentiellen Mitarbeitern vernetzen, um herauszufinden, wie diese Jobs suchen und was sie dabei wirklich anspricht.

Es muss nicht immer innovativ sein

Ständig fordern wir, dass die Personalarbeit innovativer werden muss – es würde doch für den Anfang reichen, wenn sie erst einmal zeitgemäß wird. In den letzten Jahren hat der digitale Wandel eine Menge neuer Kommunikationswege hervorgebracht, die sozialen Netzwerke gehören dazu. Aber sind das auch wirklich die passenden Kanäle für Recruitingund Employer Branding? Schaut man sich aktuelle Studien an, so wird ersichtlich, dass folgende Tätigkeiten an oberster Stelle der Nutzungsgründe stehen: Suchmaschinen nutzen, Senden/ Empfangen von E-Mails, zielgerichtet bestimmte Angebote/informationen suchen, einfach so im Internet surfen und Onlinecommunitys nutzen (Quelle: ARD/ZDF Onlinestudie 2013). Schaut man sich dann die Nutzung der sozialen Netzwerke an, wird deutlich dass Informationen zu Veranstaltungen erhalten, Eigene Fotos und Filme hochladen, Teilen von Fotos, Videos, Texten oder Links (Sharing) und Statusmeldungen posten die häufigsten Gründe sind (Quelle: BITKOM Research). Da taucht nirgends die Jobsuche auf. Nun, das ist keine Überraschung, wissen wir doch alle, dass die sozialen Netzwerke primär für private Zwecke genutzt werden. Trotzdem: Personaler haben Karrierefanpages eingerichtet, Marketing-Inhalte über die Attraktivität der Arbeitgebermarke veröffentlicht – und an den eigentlichen Zielgruppen vorbeikommuniziert. Sie haben erwartet, dass sie mit offenen Armen empfangen werden und quasi verlangt, ihnen zu folgen. Die sozialen Netze sind aber ein Instrument der Interaktion – also liebe Kollegen: bezieht die Zielgruppen mit ein!

Kommunikation nicht aufzwingen

Wir haben Twitter-Kanäle eingerichtet, bunte Fanpages oder Pinnwände gestaltet, um Stellenanzeigen zu posten bzw. zu demonstrieren, wie toll unsere Arbeitgebermarken sind. Doch haben wir unsere Zielgruppen gefragt, ob sie das überhaupt wollen. Haben wir gefragt, ob sich Berufseinsteiger über ihr Smartphone bewerben wollen? Nein, wir haben es einfach gemacht und sind auf geringes Interesse gestoßen. Wir ziehen dann gern Studien zurate, die uns suggerieren, dass die Nutzung steigt bzw. mittlerweile dem PC gleichkommt – schaut man sich die Fallzahlen an, dann wird schnell klar, dass solche Studien keine repräsentative Aussage bieten. Ich meine 500 Befragte können doch nicht ernsthaft die Bewerbungsgewohnheit von über 2 Millionen Studierenden in Deutschland (Quelle: Bundesamt für Statistik) widerspiegeln! Und seien wir mal ganz ehrlich: wer möchte sich unterwegs in der S-Bahn ein Stellenangebot anschauen oder sich gar mobil bewerben? Absoluter Humbug! Das ist nicht innovativ, das ist schwachsinnig. Und statt das Thema zu hinterfragen, springen alle auf diesen Zug auf und schreien: moile Recruiting, das ist die Zukunft, das brauchen wir, das müssen wir unbedingt machen. Also machen wir es. Die Folge ist, dass die Nutzungsraten verdammt niedrig sind. Aber daran sind natürlich nicht wir Schuld, sondern wir erschaffen einfach mal eine Problemgeneration (Generation Y), die einfach stur ist und ganz andere Vorstellungen hat, als wir eigentlich für sie vorgesehen hatten bzw. als wir uns wünschen würden. Und wir merken, wir können Nutzerverhalten nicht erzwingen, stattdessen sollten wir endlich in einen fairen Dialog treten.

Lasst uns doch endlich mit unseren zukünftigen Kollegen sprechen und sie fragen, was sie wollen. Freilich müssen wir ihnen nicht alles anbieten, was sie sich wünschen. Aber auch wir sollten ein wenig kompromissbereiter werden, denn die Millennials bieten unseren Unternehmen eine Menge Ehrgeiz, Motivation, neue und frische Ideen – sie helfen uns, den Wandel, den wir alle so sehr wollen, auch herbeizuführen. Und natürlich sollten wir ihnen dafür auch gewisse (nicht alle) Ansprüche einräumen. Das ist nur fair 

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