Wie kann ich kreativ sein? – Die Entzauberung eines neues Buzz Words

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von Ralf Junge

Zu unserer täglichen Arbeit gehört auch viel Kreativität – v.a. wenn es darum geht, neue Wege im Recruiting oder bei der aufmerksamkeitsstarken Darstellung unserer Arbeitgebermarken zu finden. Leider verkommt das Wort “Kreativität” aber scheinbar zu einem neuen Buzz Word. Ob Creative Content oder Creative Talent – alles muss heute kreativ sein, scheinbar die neue Geheimwaffe und leider auch die neuen substanzlosen Worthülsen unserer Zeit.

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Was bedeutet denn Kreativität eigentlich? Wisst ihr es? Meistens werden solche Buzz Words ganz schnell entzaubert, wenn man sich die Definitionen anschaut und den Begriff verstehen will. Fangen wir also damit mal an. Laut der Gesellschaft für Kreativität handelt es sich dabei um “die Fähigkeit, Wissen und Erfahrungen aus verschiedenen Lebens- und Denkbereichen unter Überwindung verfestigter Struktur- und Denkmuster zu neuen Ideen zu verschmelzen.”

Kreativität kann man nicht lernen

Eigentlich plausibel. Nicht die großen, schillernden Kampagnen mit TV-Spots, Virals oder Plakaten stehen dabei im Fokus, es geht ganz schlicht um das Sammeln von Ideen. Mindestens jeder Geisteswissenschaftler macht jeden Tag nichts anderes. Natürlich brauchen wir gute Ideen, wenn es darum geht, Bewerber anzusprechen und das eigene Unternehmen optimal zu präsentieren. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Kreativitätstechniken, die uns helfen sollen, gute Ideen zu finden und Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten – angefangen bei Brainstorming über Mindmapping, die Walt-Disney-Methode bis hin “try-to-become-the-problem”. Kann also jeder von uns kreativ sein?

Prinzipiell ja. Aber es kommt auf den Kontext an – also für wen bzw. wofür müssen wir kreativ sein? Wenn Kreativität ein wichtiger Bestandteil unseres Arbeitsalltags ist – wie eben auch in der Personalarbeit – dann kann es eben nicht jeder. Und entgegen vieler Behauptungen kann man es auch nicht lernen. Bevor wir überhaupt kreativ werden können, müssen wir die jeweilige Situation, die neue Ideen erfordert, bewerten können und konkrete Ziele definieren, die mithilfe neuer Ideen erreichen wollen/ müssen. 

Darwinismus in der Kreativitätsbranche

Die Erwartungen unseres Umfelds sind dann immer immens hoch. Kunden, Vorgesetzte, Kollegen und Mitarbeiter – sie alle erwarten dann immer den großen Wurf. Doch Kreativität bzw. das Finden guter Ideen geht nicht auf Knopfdruck. Das Arbeitsumfeld spielt eine wichtige Rolle. In der LEAD digital habe ich gelesen, dass die New Yorker Werbeagentur das Prinzip der Darwinian Culture verfolgt. So werden beim “front-stabbing” neue Kollegen während einer Präsentation mit Fragen bombardiert, quasi als verbales Steinigen. Damit auch nur die Stärksten und Besten bleiben, gelten in der Agentur die drei Leitregeln:

  1. Make Mayhem – Sorge für Chaos
  2. Make War – Konkurriere mit deinen Kollegen und hilf deinen Kunden die Konkurrenz zu vernichten
  3. Make Heirs – Mach etwas, an das man sich erinnern wird / hinterlasse ein Vermächtnis.

Mich würde interessieren, wie erfolgreich dieses Prinzip in der Realität funktioniert. Laut eigenen Aussagen sehr erfolgreich, mit hoher Mitarbeiterzufriedenheit.

Kreativität bzw. gute Ideen lassen sich nicht erzwingen. Viel wichtiger ist es, sich mit einer konkreten Fragestellung sehr umfassend auseinanderzusetzen und auf der Grundlage von Fakten zu entscheiden. Jede Kampagne – selbst wenn sie noch so toll und bunt ist, möglichst viele Instrumente und Kanäle bedient – ist nur dann erfolgreich, wenn sie die definierten Zielgruppen und die gesteckten Ziele erreicht. Und genau dieses Verständnis, das Verständnis für das große Ganze bzw. den Kontext, hat für mich viel mit Kreativität zu tun – eben die bedürfnisgerechte Lösung eines Problems, mittels guten Ideen.

Wie Kreative ticken

Zum Abschluss noch ein paar gegensätzliche Merkmalspaare, die vom Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi (Autor des Buchs »Creativity«, 1996) stammen und bei kreativen Personen oft gemeinsam auftauchen.

Kreative verfügen über eine Menge physischer Energie, sind häufig aber auch ruhig und entspannt.

Kreative sind oft weltklug und naiv zugleich.

Kreative verbinden Disziplin und Spielerisches oder Verantwortungsgefühl und Ungebundenheit.

Kreative wechseln zwischen Imagination und Phantasie einerseits und einem bodenständigen Realitätssinn andererseits.

Kreative vereinen offenbar gegensätzliche Tendenzen auf dem Spektrum zwischen Extraversion und Introversion.

Kreative fallen durch eine widersprüchliche Mischung von Demut und Stolz auf.

Kreative entfliehen in gewisser Weise der rigiden Rollenverteilung zwischen Frau und Mann, der Femininität und Maskulinität.

Kreative sind sowohl traditionell und konservativ als auch rebellisch und bilderstürmerisch.

Kreative bringen sehr viel Leidenschaft für ihre Arbeit auf und können ihr doch mit einem Höchstmaß an Objektivität begegnen.

Kreative sind durch ihre Offenheit und Sensibilität häufig Leid und Schmerz, aber auch intensiver Freude ausgesetzt.

Bild: Gisela Peter  / pixelio.de 

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