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Was HR jetzt tun kann

#HRvsCoronaKrise

Es sind stürmische Zeiten für Unternehmen und damit auch für HR. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft in meinen Emails gerade die Phrase „aufgrund der aktuellen Situation“ vorkam. Geschäftsmodelle werden neu gedacht und kurzerhand umgestellt. Mitarbeiter arbeiten in neuen Rollen und Rahmenbedingungen während sie nebenbei die Kinder betreuen. Das Recruiting verändert sich, da persönliche Gespräche und Probearbeiten anders organisiert werden müssen. Der Bürohund löst Jubel im Videochat aus. Die Lage für viele Branchen ist sehr angespannt, gleichzeitig rücken alle näher zusammen (ohne näher zusammen zu rücken).

Trotz vieler schrecklicher Nachrichten, unterlassener Hilfe für Menschen in Krisengebieten und Insolvenzen von vor allem kleinen Betrieben, machen sich aber auch positive Gefühle breit: Solidarität, Stärkung von Netzwerken, Unterstützung von vermeintlichen Konkurrenten, viele kreative Ideen und tolle Menschen, die diese umsetzen.

In diesem Artikel soll es darum gehen, was man als leidenschaftlicher HRler jetzt tun kann, wie man Mitarbeiter und sein Unternehmen in der Krise unterstützen kann und dabei auch über den Tellerrand schaut – und sich selbst nicht vergisst! Natürlich passen nicht alle Punkte zu allen HRlern, Branchen, Unternehmen und Abteilungen. Dieser Virus und die damit einhergehenden Einschränkungen treffen jeden auf eine andere Weise: Manche sind ins Home Office gezogen und üben ihre übliche Tätigkeit unter neuen, digitaleren Bedingungen aus; manche sind an ihren Arbeitsplatz gebunden und müssen diesen an neue Hygiene- und Sicherheitsanforderungen anpassen; bei manchen ist alles dicht und nichts geht; bei anderen tobt das Geschäft. Meine Sichtweise ist daher natürlich subjektiv, aber ich hoffe, dass für den ein oder anderen etwas Passendes dabei ist und sich Ideen übertragen lassen.

Operative HR-Arbeit anpassen

Zu Anfang des Jahres habe ich Ziele für meine HR-Abteilung definiert und mich gleich an die Umsetzung gemacht. Seit Beginn der Corona-Krise liegen diese auf Eis: Neues Recruiting-Tool: Nett, aber brauchen wir das wirklich in Zeiten des Hiring-Freeze? Saison-Recruiting vorbereiten, durchführen und ca. 30 neue Mitarbeiter für die Sommersaison im Biergarten einstellen: Nunja, der Biergarten ist jetzt erstmal dicht. Teamentwicklungen planen: Die Teams sitzen jetzt größtenteils zuhause, das ist gut so und das gemeinsame Klettern muss jetzt erstmal warten.

Plötzlich standen anderen Themen im Vordergrund: Kurzarbeitergeld, Abbau von Überstunden und Resturlauben, Stundungen von Krankenversicherungsbeiträgen und vor allem viel Mitarbeiterkommunikation. Der Newsletter von HR kam jetzt nicht mehr einmal pro Monat, sondern zweimal pro Woche und die Ereignisse haben sich überschlagen. Ich habe noch nie vorher Kurzarbeitergeld beantragt und musste erstmal herausfinden, wie das eigentlich geht, was Voraussetzungen sind und wie man mit Sonderfällen umgeht. Viele Fragen von Mitarbeitern und Geschäftsführung konnte ich selbst nicht beantworten.

Wenn ihr selbst in einer solchen Situation seid: Tief durchatmen, die alten Themen für diese Phase mal über Bord werfen, überlegen, was jetzt wirklich wichtig ist und auf diese Themen fokussieren. Holt euch Unterstützung (siehe Punkt 2), werdet kreativ (siehe Punkt 4) und passt eure HR-Arbeit an die neuen Rahmenbedingungen an. Auch wenn das vielleicht heißt: Sorry Leute, ich kann eure Fragen jetzt nicht beantworten. Heute bin ich dann auch leider nicht mehr erreichbar, weil ich mich mal schlau machen muss, mit Anwälten und der Agentur für Arbeit telefonieren und ein paar trockene Leitfäden durchlesen muss.

Im Zuge dessen auch mal ein Lob an die Agentur für Arbeit Berlin: Hier wird immer viel gemeckert und natürlich ist nicht alles perfekt. Aber in welch kurzer Zeit die Arbeit dort umorganisiert und der Bereich Kurzarbeit verstärkt wurde, Fragen von leicht verzweifelten Personalern wieder beantwortet wurden, war wirklich toll.

Ich habe in den letzten Wochen viel Neues im HR-Bereich gelernt und operativ einiges angepasst. Es war stressig, aber es hat Spaß gemacht, sich in die neuen Themen reinzufuchsen und mit anderen auszutauschen. Alles musste zappzarapp umgesetzt werden und das hat mir zwischendurch ganz schöne Magenschmerzen bereitet. Um unseren Arbeitsrechtsanwalt zu zitieren: In dieser Situation gibt es keine arbeitsrechtliche saubere Umsetzung, einfach machen, Frau Kalthöfer! Das war mein Mantra in den letzten Wochen und wir bessern jetzt Schritt für Schritt nach.

Kommunikation und Netzwerken

Kontaktverbot, Schulen und Kitas zu, Schließungen im Einzelhandel sowie der Gastronomie, Absage von Reisen und vieles mehr hat unser Leben in den letzten Woche ordentlich durchgeschüttelt. Die Unsicherheit bei Mitarbeitern, Führungskräften und – Hand auf´s Herz – auch bei uns Personalern, war in der letzten Wochen groß. Ich denke, dass Kommunikation und Transparenz hier oberstes Gebot sind. Dazu gehört, Entscheidungen offen zu diskutieren, Maßnahmen gut zu kommunizieren und alle darüber zu informieren, was jetzt, wann und warum passiert. Gleichzeitig heißt es aber auch zuzuhören, Sorgen und Unsicherheiten zu besprechen. Wir können als Unternehmen viel tun und die Rahmenbedingungen für unsere Mitarbeiter möglichst gut gestalten. Wir können und müssen aber auch nicht alle Sorgen und Ängste nehmen. Und wir dürfen auch zugeben, wenn wir manches selbst noch nicht wissen, überfordert sind oder Ängste haben.

Wir haben in den letzten Wochen durch wöchentliche Updates, in vielen persönlichen Gesprächen mit fast jedem Mitarbeiter informiert und kommuniziert. Unsere Geschäftsführung hat einen Brief an die Mitarbeiter verfasst und erklärt, wie es aktuell um das Unternehmen steht, auch über eigene Ängste und Unsicherheiten gesprochen. Ich denke, dass das ein wichtiger Schritt war: Auch renommierte Zukunftsforscher können nicht genau sagen, wie sich die Situation weiter entwickelt. Es ist doch illusorisch, dann zu behaupten: Wir haben alles im Griff! Die Mitarbeiter agieren sehr umsichtig und geben alles, um mit uns gemeinsam durch diese Krise zu navigieren.

In den letzten Wochen sind meine und auch die Netzwerke unseres Unternehmens sehr wichtig geworden. Über die Purple Squirrel Society hat ein reger Austausch zu vielen HR-Themen stattgefunden, die für die meisten neu waren. Gemeinsam haben wir uns durch Kurzarbeit-Klauseln, Home-Office-Besonderheiten, Mitarbeiterumfragen und Recruiting-Anpassungen gekämpft. Das Gefühl, nicht allein vor diesem Berg zu stehen, Unterstützung zu bekommen, anderen weiterzuhelfen hat mir sehr geholfen. Danke auch an Eva Stock, die mich in ihrem Artikel zum Thema menschliche Unternehmensführung in der Krise als Netzwerkerin erwähnt hat.

Auch die Gastronomie in Berlin hat sich solidarisiert und gegenseitig unterstützt. Nicht jede kleine Craft-Beer-Bar hat eine eigene HR-Abteilung und wir haben hier viel unterstützt, aber auch viele tolle Ideen und Anregungen erhalten. Insbesondere das Projekt Kochen für Helden von Max Strohe und Ilona Scholl vom Restaurant Tulus Lotrek ist ein wirklicher Lichtblick: Unsere Mitarbeiter organisieren Ware und kochen ehrenamtlich für Berliner Arztpraxen, Seniorenresidenzen und Kliniken. Das bringt viel Zuversicht und positive Gefühle ins Team. Unser Geschäftsführer und kulinarischer Leiter Ben Pommer hat ein Interview dazu gegeben, wie gut dieses Projekt tut.

Mein Rat also: Kämpft nicht allein, holt euch Unterstützung, unterstützt andere und bildet starke Netzwerke! Wenn ihr nicht so stark betroffen seid, engagiert euch für andere, die stärker betroffen sind. Es lohnt sich!

Durchatmen und durchatmen lassen

Die Wogen glätten sich langsam ein wenig (so dass ich auch dazu komme endlich diesen Blogeintrag zu schreiben). So wild die letzten Wochen auch waren und so angespannt die Lage vielleicht auch immer noch ist: Nutzt diese Zeit auch um mal durchzuatmen. Ihr müsst nicht gleich das nächste Projekt angehen, das man jetzt in der Ruhe fix umsetzen kann. Die Medien suggerien uns, dass wir doch jetzt noch schnell eine Fremdsprache lernen, den Körper im Home-Workout stählen und Sauerteig Brote mal eben selbst backen sollen. Auch im beruflichen Bereich ist die Verlockung groß, die Zeit jetzt möglichst produktiv zu nutzen.

Ein weiser Grieche names Jannis Tsalikis hat immer gesagt, dass ruhige Phasen wichtig sind, da erst dann Kreativität entstehen kann und neue Ideen aufblühen. Natürlich müssen wir gerade „nur“ etwas mehr Zeit auf dem Sofa verbringen, aber es ist eine Krisenzeit und es ist viel passiert. Jeder Einzelne ist unterschiedlich mit der Sorge um Angehörige, durch Kinderbetreuung und finanzielle Engpässe betroffen. Es muss auch Zeit sein, mit diesen Themen umzugehen, zu reflektieren und eben durchzuatmen. Habt also Verständnis für Kollegen und Mitarbeiter, wenn vielleicht gerade nicht jeder „funktioniert“. Ich versuche mich auf die wichtigen Themen zu fokussieren und nicht zu viel gleichzeitig zu wollen. Ruhige und entspanntere Phasen sind okay!

Kreativ werden

Diese stürmischen Zeiten geben uns auch den Freiraum, neue Dinge auszuprobieren, schnell Ideen umzusetzen und Fehler zu machen. Meine Kollegen haben unseren Onlineshop fix überarbeitet (falls ihr also Bier oder cooles BRLO Merch wollt, klickt hier) und in kürzester Zeit einen Lieferservice aus dem Boden gestampft (falls ihr also leckeres Essen wollt, dann schaut mal hier) und wir lernen täglich dazu, wie wir diesen verbessern können. Wichtig war, dass wir einfach erstmal angefangen haben. Viele tolle neue Konzepte entstehen gerade und Dinge, die vorher nicht möglich schienen, werden möglich. Nutzt diesen Freiraum und überlegt, wie ihr euer Unternehmen und eure Mitarbeiter unterstützen könnt: Viele Personaler im Netzwerk haben bereits eine Mitarbeiterumfrage gestartet, um herauszufinden, wie es den Mitarbeitern geht und was sie gerade brauchen. Wie wäre es mit:

  • Einem Postgruß ins Home-Office an alle Mitarbeiter?
  • Eine digitale Schulung zu Mental Health in der sozialen Isolation?
  • Design Thinking Workshop für die Auszubildenden um neue Einnahmequellen zu generieren?
  • Digitales Feierabendbier mit einem Pub-Quiz?

…und viele weitere tolle Ideen!

Bereit sein, wenn es wieder weiter geht

Corona wird nicht mehr weggehen und Angela Merkel wird nicht plötzlich verkünden: „Alles wieder gut! Das Berghain kann öffnen und die Bundesliga geht weiter!“. Wir werden langsame Schritte in Richtung Normalität machen und an Manches müssen wir uns vielleicht dauerhaft gewöhnen. Auch wenn jetzt bei uns noch nicht klar ist, wann und wie es weitergehen wird, überlegen wir uns schon, wie wir auf mögliche Regulierungen reagieren können. Was brauchen wir, um wieder zu öffnen? Wie verändert sich der Recruiting-Bedarf? Welche Sicherheit können wir Mitarbeitern geben, wenn sie wieder in den Gastkontakt gehen?

Überlegt euch, in welcher Form es weitergehen wird, verfolgt die Nachrichten und bereitet euch auf den Wiedereinstieg vor. Sobald es wieder weiter geht, müssen wir bereit sein. Das zeigt der Einzelhandel: Mittwochs wird verkündet und Montags geht es wieder los. Und man möchte dann nicht in der Situation sein, erst eine Woche später öffnen zu können oder Mitarbeiter und Kunden nicht ausreichend zu schützen.

Wichtig ist, dass wir schnell und überlegt handeln, mutig sind und das Beste rausholen! Ich wünsche euch alles Gute für diese besondere Zeit, bleibt gesund, holt euch Unterstützung und solidarisiert euch!

Eine Blogparade zum Thema #HRvsCoronaKrise wurde von Stefan Scheller auf persoblogger.de gestartet.

Hier noch einige Anregungen zu HR-Management in Krisenzeiten.

Auf Henner Knabenreichs Blog Personalmarketing 2 Null findet ihr einige Artikel zum Recruiting während Corona.

Hier ein Interview von Gero Hesse zum Thema HR in Krisenzeiten mit Sven Michel, Unit Director der Unit cribbX bei der Cribb Personalberatung.

Über den Autor

Yvonne Kalthöfer

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