So nicht: konstante Ignoranz und Arroganz funktionieren nicht

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von Ralf Junge

Thüringen hat am vergangenen Samstag einen neuen Landtag gewählt – für mich als gebürtiger Thüringer natürlich von Interesse. Das Wahlergebnis war voraussehbar, größte Überraschung der Einzug der AfD in das Parlament. Viel interessanter fand ich jedoch das Interview von Caren Miosga mit der Noch-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht am Wahlabend, das in der tagesschau ausgestrahlt wurde. Lieberknecht ignoriert darin konsequent die Interviewfragen, um immer wieder ihre Botschaften und den Glauben an einen Erfolg für Ihre Partei zu verdeutlichen.

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Vermarktung funktioniert anders

Warum ich hier im Blog darüber schreibe? Ganz einfach: die Präsentation eines Unternehmens als guter Arbeitgeber und die Suche nach geeigneten Kandidaten gleicht in meinen Augen einer Wahl (und nicht dem Dating, wie viele immer behaupten) – heutzutage bewerben sich nicht mehr nur die Jobsuchenden bei einem Unternehmen, sondern auch umgekehrt. Frau Lieberknecht liefert ein besonderes Lehrstück, das geballte Ignoranz und Arroganz zum Ausdruck bringt und zeigt, wie man es eben nicht machen sollte. Denn es geht eben nicht darum, auswendig gelernte Phrasen abzuspulen, sondern auf das Gegenüber einzugehen. Auch ist das konsequente Wiederholen dieser Phrasen bei gequältem Lächeln ist nicht zielführend. Selbstvermarktung funktioniert heutzutage anders.

Keine offensichtlichen Werbebotschaften, sondern klare Kommunikation: Frau Lieberknecht hatte sich scheinbar vor dem Interview drei Botschaften zurechtgelegt. Gut soweit. Als sie jedoch merkt, dass sie gar keine Chance hat diese Botschaften aufzusagen, tut sie es trotzdem. Nein, das ignorante Aufsagen und penetrante Wiederholen von Werbebotschaften funktioniert nicht. Wir sind übersättigt davon, denn täglich werden wir vielfach mit sowas konfrontiert. Eine ehrliche Beantwortung der Fragen und das Zugeben von Schwächen (hier in diesem Fall der deutliche Wählerverlust an die AfD) wären hier erfolgreicher gewesen. 

Dialog statt Monolog: Nachdem klar wurde, dass sie ihre Botschaften nicht vermitteln kann bzw. Caren Miosga gar nicht auf ihre Inhalte einging, entschied sich Frau Lieberknecht für einen ignoranten Monolog. Nach jeder Frage sagte sie ihre Botschaften auf, nach dem dritten Mal dann auch schon schon fast bockig, mit gequältem Lächeln – Antworten gab sie jedoch keine. Würdet ihr auf die Fragen von Bewerbern mit Marketingphrasen antworten? 

Feedback zulassen und annehmen: Selbst nach dem direkten Hinweis von Caren Miosga, dass Selbstkritik (aufgrund des Wählerverlusts) angebracht sei, betet Frau Lieberknecht ihre Botschaften ein weiteres Mal herunter (und schafft sich damit ihre eigene Wirklichkeit). Ein solch ignorantes und zugleich arrogantes Verhalten kann nur nach hinten losgehen, insbesondere im Kontakt mit Bewerbern. Wer möchte schließlich für ein Unternehmen arbeiten, dass die Augen vor Problemen schließt und keine Kritik annimmt!? Kommunikation in modernen Unternehmen läuft nicht ausschließlich von oben nach unten, sondern horizontal wie auch vertikal, in verschiedene Richtungen.

Keine “Fuck you Mentalität”: Am schlimmsten an dem ganzen Interview finde ich jedoch das aufgesetzte Lächeln und die bockigen Antworten à la “Ich will aber jetzt beglückwünscht werden und klarmachen, dass wir gewonnen haben. In Thüringen gibt es keine Probleme. Jetzt fragen Sie mich nicht ständig so einen Scheiß!” Das kann einem Unternehmen den Hals brechen. Stellt euch vor, ihr rekrutiert Top-Kandidaten, die Interesse an euch als Arbeitgeber haben und im Gespräch vermittelt ihr, dass ihr euch für deren Bedürfnisse gar nicht interessiert. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Vertrag bei euch unterschreiben?

Überzeugungsarbeit funktioniert anders – Frau Lieberknecht, vielen Dank für dieses Lehrstück. Ich bin gespannt auf Ihre Arbeit in den kommenden fünf Jahren.

Wer das gesamte Interview sehen möchte, findet es hier

(Bild: tagesschau.de)

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