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Prof. Nachtwei über die Zukunft der Arbeit und ein paar Insights aus dem Nähkästchen

Jens Nachtwei (Psychologe, HU Berlin) und ich, wir kennen uns schon eine ganze Weile. So durfte ich zum Beispiel in seiner 8. HR Lounge im Jahr 2013 (!) meine Behauptung loswerden “Gen Y gibt es nicht”! Während ich es seither gerade einmal geschafft habe (mit Verstärkung von Eva Stock) ein Buch zu schreiben, hat er es gefühlt zu hunderten Veröffentlichungen gebracht. Hut ab!

Jens Nachtwei // LinkedIn

Im November 2020 ist ein weiteres seiner Werke “Zukunft der Arbeit” erschienen und es hat es in jeder Hinsicht in sich und ist eine echte Leseempfehlung! Folgt diesem LINK, dann könnt ihr es euch runterladen Klick hier!

Ich wollte ein bisschen mehr über dieses große Werk erfahren und habe (wo Jens doch jetzt wieder ein wenig Luft hat) ein kurzes Interview mit ihm geführt …

Lieber Jens, im November ist dein Werk „Zukunft der Arbeit“ fertig geworden. Ein Band mit 539 Seiten und vielen namhaften Co-Autoren. Was hat dich erneut dazu angetrieben ein solches großes Band zu schreiben und zusammenzubringen?

Erst einmal vielen Dank, dass ich hier ein bisschen berichten darf! So kommt man mit den Gedanken mal ein bisschen raus aus der Echokammer und ich weiß, dass deine Arbeit viele verfolgen.

Zu deiner Frage: Ich komme ja ursprünglich aus der „Tech-Ecke“ der Psychologie und habe mich schon vor 15 Jahren mit Automation von Arbeit beschäftigt. Zwischenzeitlich lag mein Fokus zwar eher auf personalpsychologischen Fragen, ich bin der Ingenieurpsychologie und der Mensch-Maschine-Funktionsteilung treu geblieben. Dadurch habe ich auch etwas anders auf die immer häufigeren Headlines zu Künstlicher Intelligenz geschaut.

Spätestens vor drei Jahren war mir klar, dass hier etwas im Bereich Job-Automation passiert, das alles in den Schatten stellt, womit ich mich bisher beschäftigt habe. Klar war auch, dass dadurch die Zukunft der Arbeit maßgeblich beeinflusst werden wird. Und, dass wir als Psychologinnen und Psychologen sicher mit anderen Disziplinen arbeiten müssen, um die Implikationen von KI für Beschäftigte studieren zu können.

Daher auch die Idee zu einem solch umfassenden Sammelwerk: Einfangen der Expertise von gut 180 Autorinnen und Autoren, um überhaupt eine Orientierung in der neuen Arbeitswelt zu bekommen. Gut, allerdings war das Ziel am Anfang gar nicht so ambitioniert – der Umfang ist uns etwas entglitten, da immer mehr interessante Expert*innen auf der Bildfläche erschienen sind. Zu selten Stopp gesagt und schon sind es über 500 Seiten.

Zugegeben, ich habe (noch) nicht alles gelesen, mit Artikeln, wie „Zukunftsperspektiven von Homeoffice nach Corona“ von Prof. Martin Diewald, „Zukunft schenken mit der Arbeit der Gegenwart“ von Martin Geadt oder „Wie Digitalisierung Arbeit menschlicher macht” von der Philosphin Wenke Klingbeil-Döring, habt ihr in jedem Fall meinen Nerv getroffen. Welches sind denn deine must reads und warum?

Gerade baue ich den Sonderband in meine Vorlesung ein und habe dafür natürlich etwas priorisiert. Eine richtig gute Orientierung bietet Andreas Kaplan (ESCP) zum Thema Zukunft der Hochschullehre durch KI – ist natürlich von hoher persönlicher Relevanz und interessiert Studierende – wird also im Kapitel Bildung in der Vorlesung besprochen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen haben wir ja mehrfach im Band – mein Kollege aus der Soziologie Sascha Liebermann hat einen tollen Beitrag dazu geliefert, der mir auch privat aus dem Herzen spricht: Auch Sorgearbeit – in unserem Fall für Kinder; aktuell ja im Home Schooling – braucht gesellschaftliche Anerkennung und ein BGE wäre zumindest ein Baustein dafür.

Mir persönlich gefallen haben vor allem die kritischen Beiträge, die auch einmal schonungslos die teils prekäre Rolle von Beschäftigten beleuchten. Hans Rusinek hat mit seinem Beitrag über Sinndruck bei mir einen Treffer gelandet. Ebenso wie Daniel Goffart mit „Die große Verharmlosung“. Aber du kannst dir vorstellen, dass bei gut 120 Artikeln noch viele mehr dabei sind. Meine Vorlesungsfolien werde ich Open Access kostenlos ins Netz stellen. An der Auswahl wird man dann meine Präferenzen auch noch einmal erkennen können.

139mal kommt das Wort New Work in dem Sonderband vor. Für viele Personaler:innen ist New Work jedoch nach wie vor „Work & Life Balance“ und „Gendern“. Was ist New Work aus deiner Perspektive? Und mit welchen Konzepten der New Work Bewegung müssen sich Personaler:innen Deutschland im Jahr 2021 am dringendsten beschäftigen?

Hier ist dann wohl Zeit für eine kleine Selbstoffenbarung. Ich konnte mich mit der Wortmarke New Work nie anfreunden; empfand viele Debatten als Dampfplauderei, vor allem aber als Feigenblatt. Schöne neue Arbeitswelt als Bühnenspiel – alle sind angeblich dauerhaft begeistert, die Führungskräfte moralische Vorbilder und die Organisation wirkt an der Erfüllung von Menschheitsträumen. Etwas überspitzt, aber so wirkt manches auf mich; einfach realitätsfern und abgehoben.

Ich denke eher, dass wir statt Vorwort „New“ den Kern „Work“ genauer unter die Lupe nehmen müssen. Was ist Arbeit historisch gewesen, was heute und wie können wir den Arbeitsbegriff so uminterpretieren, dass er offener wird für alle Formen außerhalb der Lohnarbeit. Und natürlich ist vieles aus der New Work Debatte aus psychologischer Sicht gar nicht neu. Dass Menschen nach Anerkennung und Selbstwirksamkeit suchen, sind lange bekannte Bedürfnisse – für einen Psychologen ist also vieles in der Debatte nicht ganz so überraschend und daher auch nicht immer spannend. Außer es wird kritisch beleuchtet, was auch Personaler*innen unbedingt tun sollten.

Du hast bereits eine stattliche Menge an Fachliteratur veröffentlicht, was kommt als nächstes?

Momentan beschäftigen mich vor allem zwei Projekte: Einerseits eine Reihe von Interviewbänden. Darin sind Interviews mit Expert*innen verschiedener Bereiche der Arbeitswelt enthalten. Die sind schon für sich lesenswert und können Open Access gebündelt in Herausgeberbänden leicht viele Menschen erreichen. Und: Masterandinnen haben mit den Interviews tollen Stoff für ihre Abschlussarbeiten – mit qualitativer Inhaltsanalyse kann man hier einiges machen.

Außerdem sitzen wir gerade an einem Artikel zur Frage, was die Treiber für die Akzeptanz eines Bedingungslosen Grundeinkommens sind. Die Basis ist eine große bevölkerungsrepräsentative Stichprobe aus Deutschland und die Ergebnisse sind viel versprechend.

Nach dem BGE-Artikel gehen wir dann wieder Beiträge zur Rolle von KI für die Veränderung und das Verschwinden von Jobs aus psychologischer Sicht an – die Ergebnisse sind im Kasten, aber das Schreiben kostet viel Zeit. Hier ist Antonia Sureth federführend – mit ihr habe ich auch den Sonderband Zukunft der Arbeit veröffentlicht.

Am Ende ist aber das Schöne, dass auch immer einmal spontan Publikationsprojekte über den Zaun flattern – Themen, die man so gar nicht auf dem Schirm hatte, Datensätze, die Spaß machen und dann hoffentlich Publikationen, die Mehrwert stiften. Mal sehen, was 2021 noch so parat hält. 

Es bleibt also spannend. Super, vielen Dank für deine Zeit und bis bald!

Zur Person:

Jens Nachtwei ist Psychologe, forscht an der HU Berlin, lehrt an der HAM und leitet das IQP. Details unter http://bit.ly/jens_nachtwei 

Über den Autor

Jannis Tsalikis

Arbeitgebermarke ist wie Disco, entweder du siehst geil aus oder du tanzt allein!

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