Gegenseitiger Respekt statt unpassende Arroganz im Recruiting

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Heute Morgen bin ich durch Stefan Döring (@Following_HR) via Twitter auf den Beitrag „Wie ticken Personaler? Ein offener Brief an Bewerber“ , der bei Edition F erschienen ist, aufmerksam geworden. Eine Personalverantwortliche spricht über ihre Erfahrungen in Bewerbungsgesprächen und fordert „Nein, Bewerber sollte das Job-Interview nicht mit einem Schaulaufen verwechseln. Ehrlichkeit gewinnt!“.

Nachdem Henrik Zaborowski (@HZaborowski) bereits aus Personalersicht darauf geantwortet hat, schreibe ich meine Meinung aus der Bewerbersicht dazu.

Das mit der Ehrlichkeit

In den letzten Jahren wurde ich zu einigen Bewerbungsgesprächen eingeladen, (bedingungslos) ehrliche Arbeitgeber waren jedoch kaum dabei. Es gab sogar Absprachen, an die sich der Chef plötzlich nicht mehr erinnerte, als ich die Arbeit angetreten hatte. „Nein, das habe ich nie gesagt!“

Mittlerweile ist ja gemeinhin bekannt, dass der Bewerbungsprozess dem gegenseitigen Kennenlernen dient, also nicht mehr nur eine Bewertung des Kandidaten durch das Unternehmen erfolgt, sondern genauso auch andersrum. Dass es ebenso auch K.O-Kriterien bei Bewerbern gibt, kommt der Autorin aber scheinbar gar nicht in den Sinn. Übrigens, eines meiner K.O.-Kriterien ist die Frage nach meinen Schwächen. Kann man auf diese Frage überhaupt richtig oder falsch antworten? Und welchen Wert hat die Antwort überhaupt für einen Personaler?

Ein Bewerbungsgespräch ist kein Verhör

Sollte ich als Kandidat vielleicht im Bewerbungsgespräch fragen: „Wo liegen die Schwächen Ihres Unternehmens?“ oder „Wie ist die Liquidität Ihres Unternehmens?“ oder „Wieviele Überstunden muss ich in Ihrem Unternehmen pro Woche machen?“ oder „Fühlen sich alle Mitarbeiter wirklich wohl in Ihrem Unternehmen, und was sind die häufigsten Beschwerden bzw. Kritikpunkte?“ – Würde ich eine ehrliche Antwort erhalten? Ich wage zu behaupten: NEIN.

Von Bewerbern absolute Ehrlichkeit zu verlangen ist eine arrogante Forderung. Ein Bewerbungsgespräch ist schließlich kein Verhör (auch das ist keine Neuheit). Es geht doch darum, sich kennenzulernen, zu schauen, ob eine Zusammenarbeit mit ähnlichen Wertvorstellungen passen würde, ob es ein ähnliches Verständnis der ausgeschriebenen Tätigkeiten gibt.

Recruiting als Reputationsmanagement?

Lückenhafte bzw. nicht-gradlinige Lebensläufe machen die Autorin unsicher. Sie sollte tatsächlich hinterfragen, ob sie den richtigen Beruf gewählt hat. Denn ein Schriftstück mit der Laufbahn eines Kandidaten gibt, wenn überhaupt, Auskünfte über die fachliche Eignung. Statt dem Kandidaten von vornherein mit Misstrauen („Was will er/sie verheimlichen, übertünchen, vertuschen?“) zu begegnen, solle gerade ein Personalverantwortlicher doch mit Aufgeschlossenheit, Interesse und Neugier in ein solches Gespräch gehen!

„Und wenn ich öfter ‚daneben‘ liege, ist mein Ruf in der Firma hin.“ Bei diesem Satz lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Nein, auf ein Gespräch mit dieser Dame würde ich mich nicht einlassen. Denn allein dieser Gedanke übt auf die Gesprächssituation einen erheblichen Erwartungsdruck aus, der zwangsläufig zu Frustration führen muss. Ich weiß, es gibt klare Recruiting-Ziele in Unternehmen, doch bitte aber nicht während des Gesprächs.

Eine entspannte Umgebung wählen

Über ein reines Frage-Antwort-Spiel wird sich der wahre Charakter eines Kandidaten nicht ermitteln lassen, auch ein Unternehmen lernt man so nicht kennen. Warum das Gespräch also nicht an einen anderen, angenehmeren Ort verlagern, wo Kandidat und Personalverantwortlicher sich in einer „unabhängigen“, lockeren Atmosphäre kennenlernen können? Es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten des Kennenlernens, schon allein über die sozialen Medien lässt sich viel über Bewerber herausfinden (Interessenschwerpunkte, Hobbies, Musik-/ Büchergeschmack,…). Vielleicht kann dann auch der Gedanke an die eigenen Reputation mal beiseite gelegt werden. Henrik gibt in seinem Kommentar ein paar Vorschläge.

Aber in einigen Punkten stimme ich der Autorin auch zu. Natürlich sollte ein Bewerbungsgespräch von beiden Seiten gut vorbereitet sein. Natürlich bereite ich mich als Kandidat vor, erkundige mich über das Unternehmen, dessen Historie, Leitbild und Produkte. Ich weiß, das ist leider noch keine Selbstverständlichkeit, den Unmut hierüber kann ich also durchaus nachvollziehen. Genauso wie ich als Kandidat natürlich pünktlich bei einem vereinbarten Gespräch erscheinen muss.

Ein gut gemeinter Rat

Und ja: die Entscheidung für oder gegen eine Arbeitsstelle gehört doch zu den wichtigen Entscheidungen im Leben. Sie sind nur ein Mensch, der Bewerber ist es genauso. Treten Sie ihm also mit dem Respekt gegenüber, den Sie auch von ihm erwarten!

Photo by Crossroads Foundation Photos

3 Kommentar

  1. Gute Tipps. Es gibt ein Paar Jobbörsen die passende Stellen anbieten. Die Matching-algorithmen helfen die Bewerber mit ihren Kompetenzen.

  2. Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung gehört in jedem Bereich der menschlichen Interaktion zu den wesentlichen Bestandteilen und sollten als Standard verstanden werden. Interessanter Fakt: 80 % aller Arbeitnehmer fühlen sich nicht genug wertgeschätzt und respektiert, während 90 % der Arbeitgeber das Gefühl haben, das genug zu tun.

    Freut mich, dass das in diesem Blog auch so gesehen wird, dass ein respektvoller Umgang extrem wichtig ist.

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