Ein Leben nach der Arbeit – das halte ich für ein Gerücht

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von Ralf Junge

Arbeiten, um zu leben oder Leben, um zu arbeiten? Ich habe ehrlich keine wirkliche Antwort darauf. Schon seit einiger Zeit werden die Forderungen nach mehr Zeit für das Privatleben immer lauter, besonders bei den jüngeren Generationen. Jeder will mehr Zeit für Privates, kaum jemand hat sie. Kein Wunder also, dass sich in den letzten Wochen Medienberichte häuften mit Headlines, wie “Warum die Generation Y so unglücklich ist” oder ”Wie wir verlernt haben, das Leben zu genießen”.

Die kanadische Agentur Union wurde nun zur “Agency Of The Year” ernannt und hat aus diesem Grund ein Video veröffentlicht, in dem sie zeigt, wie man sich bei den Mitarbeitern bedankt hat – mit einer gewaltigen Portion Sarkasmus. Sieht es anfangs noch nach einem Unternehmensausflug aus, so fallen sich im nächsten Moment in einer Turnhalle Menschen in die Arme. Das Dankeschön an die Mitarbeiter: seit langer Zeit durften sie alle ihre Familien wiedersehen – nach tage- und nächtelanger Arbeit.

Im ersten Moment lustig, im zweiten Moment verging mir jedoch das Lachen. Denn was dort mit so viel Witz dargestellt wird, ist leider traurige Realität. Wie oft habe ich in den letzten Wochen bis spät in die Nacht hinein sowie auch an den Wochenenden im Büro gesessen, um den Berg an Arbeit zu bewältigen. Und das ist ist insbesondere in Agenturen leider trauriger Alltag. Die Zeit nach der Arbeit ist auf wenige Stunden begrenzt, das Privatleben fällt dabei immer hinten runter – für Familie und Freunde bleibt wenig Zeit.

Das Video zeigt – wenn auch etwas überspitzt – die Wahrheit, die durch die sarkastische Darstellung abgeschwächt wird. Ich finde es leider gar nicht lustig, dass ich weitaus mehr arbeite, als ich müsste; dass ich Kundenwünsche erfülle, statt Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man in der Kreativbranche arbeitet.

Versteht mich nicht falsch, ich mag meinen Job (meistens). Denn der Beruf des Werbers ist vielseitig, voller Herausforderungen – eben kein Job, wie jeder andere. Statt zu beschönigen oder zu belustigen, sollten Agenturen offen über die Arbeitsbedingungen sprechen, um das Image des Werbeberufs zu verbessern – solche Videos bewirken jedoch nur das Gegenteil. Gutes Employer Branding funktioniert anders. 

Hier ist das Video der Agentur Union. Schaut es euch selbst an!

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