Die Generation Y ist eine Erfindung der Personaler – HR muss nach vorn denken, statt zu problematisieren

Scroll this

von Ralf Junge

Was wäre die heutige Personalerszene ohne ihre Generation Y – die Sau, die derzeit durch jedes Dorf getrieben wird? Es vergeht mittlerweile kein Tag mehr, an dem nicht über den derzeitigen Nachwuchs und dessen Eigenheiten geschimpft wird. Eigentlich existiert diese Generation doch gar nicht. Das Problem ist eigentlich ein ganz anderes: die Verantwortlichen für Recruiting und Employer Branding vieler Unternehmen haben es verpasst, sich mit aktuellen Entwicklungen und Nutzungsgewohnheiten auseinanderzusetzen, insbesondere mit dem digitalen Wandel. Vor einigen Jahren hat das auch noch funktioniert: es wurden Stellenanzeigen in der Tageszeitung veröffentlicht und die Bewerbungen kamen ins Haus.

image

Post and Pray ist nicht mehr die Lösung

Das Internet, die Digitalisierung und die sozialen Netzwerke haben diese Post-and-Pray-Mentalität komplett auf den Kopf gestellt – die Positionierung von Unternehmen als guter Arbeitgeber sowie das Anziehen geeigneter Bewerber ist deutlich schwerer geworden. Die Bewertungsmöglichkeiten auf diversen Portalen und die Kommentarfunktionen zwangen die Unternehmen zu wesentlich mehr Transparenz, sodass junge Berufseinsteiger heutzutage ganz andere Kriterien für die Auswahl des passenden Arbeitgebers haben. Die Kommunikation ist nicht mehr wie früher nur einseitig, vom Sender zum Empfänger. Heute gibt es zahlreiche Feedbackmöglichkeiten, die rege genutzt werden. Einfache Stellenanzeigen reichen nicht mehr aus.

Berufseinsteiger haben die Qual der Wahl

Heutigen Berufseinsteigern bzw. jungen Nachwuchskräften stehen alle Türen offen. Im Gegensatz zu den vorherigen Generationen haben sie heute alle Möglichkeiten, sich beruflich zu entwickeln – sie sind ohne Kriege oder Krisen aufgewachsen und haben sich früh mit dem Internet auseinander gesetzt und gelernt, sich zu vernetzen, weltweit. Doch wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Woher wissen Berufseinsteiger, ob sie sich für den richtigen Beruf bzw. den richtigen Arbeitgeber entschieden haben? Das ist meiner Meinung nach einer der Gründe für die kurze Verweildauer Unternehmen und die hohen Fluktuationsraten. Ich glaube auch, dass die Angst, etwas zu verpassen bzw. der Gedanke, es könne noch bessere Arbeitgeber und Jobs geben, eine Rolle spielen. Nahezu täglich erfahren wir von neuen Jobs, mit den wildesten Titeln. Wir brauchen mehr Transparenz über Berufs- und Einstiegsmöglichkeiten, Karrierewege sowie über Perspektiven.

Aus der Vergangenheit gelernt

Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und der Drang, die Welt zu verbessern – das zeichnet Berufseinsteiger heutzutage aus. Sie sind sich bewusst darüber, dass es ihnen gut geht und wollen daher anderen Gutes tun. Und das muss auch das Unternehmen widerspiegeln, für das sie arbeiten wollen. Auch haben sie erkannt, dass Arbeit nicht alles ist, sie soll daher im Leben auch nicht an erster Stelle stehen. Die jüngeren Generationen haben ihre Lehren aus Entwicklungen der vergangenen Jahre gezogen. Dazu zählen beispielsweise die Ausbeutung von Praktikanten (“Generation Praktikum”) oder die steigenden Zahlen der durch die Arbeit verursachten psychischen Erkrankungen (u.a. Burnout).

Es wird ein Problem kreiert

Im Prinzip ist es doch so: die “Generation Y” besteht aus modernen und weltoffenen, jungen Menschen, die hoch qualifiziert sind und selbst entscheiden, bei welchem Unternehmen sie angestellt werden wollen. Sie lassen sich nicht an der Nase herumführen von geschönten Unternehmensprofilen oder Stellenbeschreibungen, die von den PR- bzw. Marketingabteilungen verfasst wurden. Sie informieren sich über Unternehmen und machen sich ein eigenes, authentisches Bild. Eigentlich halten sie den Unternehmen einen Spiegel vor und zeigen ihnen, was sie sehen. Und das passt vielen Unternehmen nicht. Statt sich also mit dem Nachwuchs auseinanderzusetzen bzw. den Dialog mit ihnen zu suchen, um ein wirklich zielgruppenorientiertes Recruiting und Employer Branding zu betreiben, wird ein Problem geschaffen: die “Generation Y”. Und die muss nun hinhalten und vertuscht die Defizite – die Genration Y lässt sich nicht rekrutieren, die Generation Y ist so schwer und stellt unrealistische Anforderungen, die Generation Y will keine Karriere, die Generation Y will nicht arbeiten und ist faul…

Ganz ehrlich: Das funktioniert nicht und da macht der Nachwuchs auch nicht mit!

Am Freitag stelle ich hier ein paar Lösungsansätze vor. 

Bildquelle: williamhartz

Schreibe einen Kommentar