Alternative Fakten im Recruiting

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Die Wahrheit ist zum Auslaufmodell geworden – nur logisch, dass post-truthzum Wort des vergangenen Jahres bestimmt wurde. Angela Merkel sagte dazu: „Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen.“ Ja! Und Arbeitgeber und Mitarbeiter spielen mit.

Das macht mich wütend. Aktuell belustigen wir uns über die „alternativen Fakten“ aus den USA (keine Sorge, das wird kein politischer Beitrag) – dabei müsste sich jeder Personaler gerade an die eigene Nase fassen, denn die Jonglage mit alternativen Wahrheiten ist für sie nicht neu – gemäß dem Motto „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“.

Wenn Kreativität zur Lüge wird

Glaubt ihr nicht? Schaut euch doch mal aktuelle Stellenanzeigen an (auch eure eigenen), die vollgepackt sind mit Buzzwords, wie „Augenhöhe, flache Hierarchien, Gestaltungsspielraum oder Eigenverantwortung“. Wer würde denn auch schon wahrheitsgemäß über cholerische Vorgesetzte, Erfolgsdruck oder Überstunden schreiben? Wenn die Wahrheit unbequem ist, dann werden wir eben kreativ.

Tipp
Schaut euch mal die Studie „Im Club der Gleichen“ an! Fazit: „Kandidaten verdienen mehr Unterscheidungsmerkmale bei Ihrer Suche nach dem richtigen Arbeitgeber“, sagt Initiator Sascha Theisen.

Schade, dass es zum Wahrheitsgehalt von Stellenanzeigen keine Studien gibt, die Ergebnisse wären sicher aufschlussreich. Vergangenes Jahr veröffentlichte Thorsten Beckmann, CFO einer Hamburger Kommunikationsagentur, einen Beitrag, in dem er das absichtliche Belügen von Mitarbeitern als Teil der Führungskultur beschreibt: „Um andere für die Zielerreichung zu motivieren, bedarf es manchmal einer Lüge oder zumindest dem Verschweigen kontraproduktiver Fakten.“ (Der Artikel wurde inzwischen leider entfernt)

Das Gleiche gilt für Vorstellungsgespräche. Da werden gern mal Versprechungen gemacht, an die man sich ganz dement hinterher nicht mehr erinnert. An welcher Stelle hört die Wahrheit auf, wann werden Mitarbeiterführung und Kreativität zur Lüge? Und: wann bedienen sie sich wieder mehr der Wahrheit als Vertrauensgrundlage?

Der Wutkollege

Doch das Phänomen gibt es genauso auch bei Mitarbeitern – mehrheitlich bei solchen, die sich in ihren Eitelkeiten verletzt oder ungerecht behandelt fühlen. Sie neigen dazu, ihrem Frust öffentlich auf Arbeitgeberbewertungsportalen Luft zu machen. Oft anonym und ohne das Geschriebene vorher persönlich mit dem Vorgesetzten besprochen geschweige denn reflektiert zu haben. Oder eben oft auch einfach abseits der Realität, weil man denkt, so könne dem Arbeitgeber so richtig eins ausgewischt werden – und gerade diese Wutkollegen sind gefährlich. Dieses Internet bietet eben JEDEM die Möglichkeit, seine Meinung kundzutun, ohne dass andere sie überhaupt hören wollen und ohne den Anspruch auf Wahrheit.

„Es gibt Leute, die haben manipulative Interessen daran, dass Menschen dauerwütend sind“, sagte Gerald Hensel vergangenes Jahr in einem Interview. Früher war man einfach nur dafür oder dagegen. Heute ist einfach nur noch jeder wütend und lässt dieser Wut freien Lauf. Und stachelt andere an. Verbunden mit der offensichtlichen Absicht, anderen zu schaden – um andere zu erniedrigen und sich selbst dabei besser zu fühlen. Dafür muss es nicht einmal einen Grund geben. Daraus entwickeln sich Hetzjagden, mit nahezu inquisitorischen Zügen. Und diese blinde Wut beraubt uns der Fähigkeit, zwischen Wahrheit und Fiktion zu unterscheiden.

„Wer nicht denken will, fliegt raus“

Ankündigung
Kommende Woche erscheint hier im Blog ein Interview über zu gesprächige Mitarbeiter.
Hört endlich auf mit diesen Dehnungen und stilistischen Mitteln, stoppt diese Parallelwahrheiten. Und nein, alternative Fakten gibt es nicht – das sind schlichtweg Lügen! Und dieses Vorspiegeln falscher Tatsachen wird sich rächen, schneller als ihr denkt. Wehren wir uns doch mal gegen solche offensichtlichen Lügen und die blinde Wut – mit Fakten! Lasst uns in diesem Jahr eine neue Qualität des beruflichen Miteinanders etablieren, die Rückkehr zu den Tatsachen. Erklären wir 2017 zum reflektierten Neofaktizismus und bauen wir unser Handeln besonnen auf Daten und Tatsachen auf. Ich werde euch hier im Blog regelmäßig aktuelle statistische Zahlen sowie relevante Datenquellen zeigen, mit denen ihr arbeiten könnt.

Ich halte es übrigens in diesem ganz einfach mit Joseph Beuys: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“

 

1 Kommentar

  1. Hallo Ralf,

    danke, danke, danke für den Artikel, der mir aus dem Herzen spricht und bei mir offene Türen aufstößt. Neben den neuen „alternativen Fakten“ wird gerade im Recruiting oft mit Bauchgefühl (Ich glaub‘, die Messe war ganz gut, da gehen wir wieder hin) und „persönlicher Empirie“ (ich hab‘ mit einem von der Firma X gesprochen, die machen das auch so) gearbeitet. Handeln im Recruiting auf Daten und Tatsachen aufzubauen, scheint mit quasi „alternativlos“ (vielleicht mit Ausnahme der persönlichen Chemie im Vorstellungsgespräch) und ich hoffe, dass diese Meinung von immer mehr Personalern geteilt wird. Dass diese Hoffnung nicht ganz unbegründet ist, zeigt die Anzahl der Teilnehmer bei der letzten Recruiting Summer Academy zum Thema DATA DRIVEN RECRUITING mit über 1000 Teilnehmern (http://competitiverecruiting.de/ICR-Recruiting-Summer-Academy-2016-Data-Driven-Recruiting.html). Bzgl. der im Moment vielgenutzten Glaskugel zur Festlegung der Trends im Recruiting habe ich mir auch die Mühe gemacht, die Trends mal aus den vorliegenden Daten letzten 5 Jahre der ICR Recruiting Reports zu extrapolieren und Sie gerade als ICR Recruiting Trends 2017, datenbasiert und im 5 Jahresvergleich, veröffentlicht. Zum kostenfreien Download geht es hier: http://competitiverecruiting.de/ICR-Recruiting-Trends-2017-datenbasiert-2012-2013-2014-2015-2016.html

    Also, falls Du noch einen Mitstreiter im Jahr des reflektierten NeoFaktizismus suchst, ich bin dabei!

    Schöne Grüße

    Wolfgang

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